September 13, 2014
Gestern veröffentlichte der Page-Turner-Weblog der Zeitschrift New Yorker eine Reflexion des Kulturjournalisten Mark O’Connell über einige Assoziationen, die sich für ihn nach der Lektüre von Vikram Shandras Buch Geek Sublime: The Beauty of Code, the Code of Beauty (Minneapolis: Graywolf Press, 2014) ergaben. (Mark O’Connell: How to Understand Your Computer. New Yorker - Page Turner 12.09.2014)
Unter anderem sinniert er mit Shandra über den Unterschied zwischen der poetischen Sprache (offen) und dem Code (denotativ), wie ihn Maschinen lesen und umsetzen. Und er stellt heraus, dass der Code die Sprache ist, in der unsere aktuelle, nämlich digitale Kultur, ihre Grundfassung erhält, was unweigerlich zu der Frage führt, in welchem Ausmaß der Code uns als kulturelle Wesen beeinflusst oder möglicherweise hervorbringt, wie sehr wir also selbst zum Produkt dieser Programmierungen werden, in denen sich unsere Kommunikation und Kultur mittlerweile vollziehen.
Eine Schlußfolgerung ist die im obigen Zitat enthaltene: für uns - vielleicht auch als poetische Sprachwesen - bleibt der Code sofern wir nur Anwender (bzw. Programmierte) und nicht Programmierer sind, undurchschaubar. Er scheint jedoch zugleich so angelegt zu sein, dass wir für ihn (bzw. die Programme) mit jeder Handlung die wir in seinem Rahmen vollziehen, immer schlüssiger (also vorhersagbarer) werden.
Ob das wirklich stimmt oder ob nicht einfach nur bestimmte Code-spezifische Handlungsformen als mehr oder weniger unscharfe, grob generalisierte Indikatoren für den Kulturkosmos dahinter zu Big-Data-Mustern aufgeschlüsselt werden können, kann man diskutieren. Aber auch schon die Reduzibilität des Menschen und Menschenbildes die in der Minimalvariante enthalten sind, entsetzen einigermaßen angesichts der schrumpfenden Sphären nicht-digitalen Kulturhandelns und dabei insbesondere des Kommunizierens. Die sozialwissenschaftliche Technikforschung kennt für die Dispositivität von technischen Strukturen den zum Code sehr passenden Ausdruck der Skription. 
Der Code des Programm ist buchstäblich die Vor-Schrift für unser Handeln im Programm. Man mag das auch von der natürlichen und der offenen Sprache behaupten. Diese fordert allerdings eher Ähnlichkeit ein, bewegt sich permanent selbst in Semiosen der Selbstentfremdung und Vermehrdeutigung. Daher geht Mark O’Connell auch fehl, wenn er behaupt, dass Poesie nichts bewirkt - sie bewirkt auf der Ebene der Sprache selbst weitaus mehr als der Code, der sich viel treuer bleiben muss, um zu funktionieren.
Die große Schwäche des Codes, wie wir ihn bisher kennen und handhaben, ist seine Forderung nach Eindeutigkeit, seine klare Abgrenzung der Spielräume kommunikativer Handlungen, seine sinnliche Reduziertheit und seine Exklusivität, die all das, was nicht in seine Schemata passt, ausschließt. Code bzw. code-basierte Technologien und Anwendungen appifizieren unzweifelhaft die Gegenwartskultur in allen Facetten von der Post-Internet-Kunst über die Digitalwirtschaft bis hin zu sozialen Bewegungen, der Literatur und auch, natürlich, den Kultur- und Kulturerbe-Institutionen. Aber bisher ist mir jedenfalls trotz aufmerksamer Beobachtung und Suche eben auch nicht im Feld der Post-Internet- und Netzkunst etwas begegnet, das auch nur im Ansatz die Ausstrahlung (oder, wenn man mag, Aura) dessen mit sich bringt, was man doch hin und wieder in Poetisierungen und der Kunst an sich vorfindet. 
Wo so ein Effekt auf den digitalen Wiedergabegeräten aufscheint, ist er ein - oft reduziertes - Transkript einer nicht-digitalen Vorlage, also in gewisser Weise ein auratisches Echo. Er ist aber in den seltensten Fällen etwas, was genuin durch die Digitalität hervorgebracht wird.
Das mag sich in dem Maße ändern, in dem sich Kulturproduktion in großer Vielfalt in digitalen Strukturen vollzieht. Eventuell ist die Musik, die als elektroakustische und elektronische und heute oft rein digitale Form vermutlich die längste diesbezügliche Tradition besitzt, der Türöffner. Es gibt bereits jetzt zahllose Beispiele für Stücke der, nun ja, Postinternet-Musik bzw. des Postinternet-Pop, die in sich stimmig sind, auch berühren können und zuweilen sogar Poesie besitzen.
Analysiert man sie jedoch auf diesen Effekt, zeichnet sich oft heraus, dass es gerade die Referenzen und Simulationen zu vordigitalen Klangelementen sind, die - digital optimiert und rekombiniert - diese Wirkungen auslösen. Sie erfindet das Traditionelle wieder, de- und rekonstruiert es in Mash-Ups und simuliert bzw. variiert ästhetische Pattern.
Das Spannende ist eigentlich, dass die digitale Kodifizierung dahinter wie überhaupt in der Digitalität üblich, die leichten Verschiebungen expliziert und idealerweise sogar adressier- und nachvollziehbar macht, die die kulturelle Entwicklung gemeinhin kennzeichnen. Die Meme-Kultur, die zum Beispiel den Eiskübel-Wettstreit bis zur Stunde seiner Initiation rückverfolgbar im Netz dokumentiert, ist die typische Ausprägung dieser produktiven Stärke des digitalen Codes. Wir wissen im Netz bzw. das Netz weiß fast immer wann welches Element von wem in das Gesamtgefüge der Kultur eingebracht wurde und in der Regel auch, wer es wann wie intensiv rezipiert hat. Die Kulturwissenschaften als digitale Geisteswissenschaft steuern auf ein Zeitalter der perfekten Datenlage zu. Das, was man gerade in dieser Disziplin häufig unter der Benennung “Aura” beforscht, bleibt allerdings weitgehend draußen 
Zugleich könnte es sein, dass die gefühlte Poesie-Abstinenz in der Digitalkultur auch einfach  ein Echo generationenspezifischer Rezeptionsgewohnheiten bleibt und sich im kulturanalytischen und -kritischen Diskurs der Postinternet-Jahrgänge (den Nachfolgern der Digital Natives) ganz anderes zeigen wird, das uns plötzlich mit einer digitalen Auratik überrascht, die von niemanden erwartet oder geplant wurde. Am Ende begrenzt erfahrungsgemäß der individuelle Erfahrungshorizont doch trotz allem Objektivierungsbemühen erheblich den Bewertungsrahmen. Zugleich weiß man auch nicht sonderlich exakt, wohin sich die code-basierten Technologien als Kreativwerkzeuge auf lange Sicht orientieren und was sie ermöglichen werden. 
Vielleicht eilen wir ja auch ganz profan auf ein Leben ohne Poesie bzw. poetische Sprache zu. Auch das wäre denkbar und in nützlichkeits-, berechnungs-, vorhersagbarkeits- und optimierungsorientierten Lebenswelten, in denen jede Mehrdeutigkeit als potentielle Störung gilt, womöglich sogar erwünscht. Es ist normal, dass sich der Sinn-und-Form-Leser von heute mit seinen Vorstellungen, Ansprüchen, Sehnsüchten und Maßstäben gern auch in zukünftigen Kulturwelten berücksichtigt sehen möchte. Er kann sogar selbst über die Teilhabe an den einschlägigen Diskursen und Debatten versuchen, seine Stimme einzubringen. Eine Garantie darauf, dass die poetische Sprache und die Literatizität auch in den Narrativen und Texten des Postinternets eine Entsprechung hat, in der wir das, was wir heute darunter verstehen, wiederfinden können, gibt es freilich nicht. Die Bibliotheken haben immerhin die Möglichkeit, eigentlich sogar die Pflicht, die Erinnerung daran aufzubewahren und die Denkbarkeit einer Pre-Code-Kultur(sprache) und an die Idee der Aura als Zeugnis zu bewahren. Das immerhin spricht sehr dafür, dass die Aufgabe der Bibliothek als Gedächtniseinrichtung nicht komplett auf das programmierte Simulacrum der Digitalen Bibliothek reduziert werden sollte.
(Ben Kaden, Berlin, 13.09.2014)

Gestern veröffentlichte der Page-Turner-Weblog der Zeitschrift New Yorker eine Reflexion des Kulturjournalisten Mark O’Connell über einige Assoziationen, die sich für ihn nach der Lektüre von Vikram Shandras Buch Geek Sublime: The Beauty of Code, the Code of Beauty (Minneapolis: Graywolf Press, 2014) ergaben. (Mark O’Connell: How to Understand Your Computer. New Yorker - Page Turner 12.09.2014)

Unter anderem sinniert er mit Shandra über den Unterschied zwischen der poetischen Sprache (offen) und dem Code (denotativ), wie ihn Maschinen lesen und umsetzen. Und er stellt heraus, dass der Code die Sprache ist, in der unsere aktuelle, nämlich digitale Kultur, ihre Grundfassung erhält, was unweigerlich zu der Frage führt, in welchem Ausmaß der Code uns als kulturelle Wesen beeinflusst oder möglicherweise hervorbringt, wie sehr wir also selbst zum Produkt dieser Programmierungen werden, in denen sich unsere Kommunikation und Kultur mittlerweile vollziehen.

Eine Schlußfolgerung ist die im obigen Zitat enthaltene: für uns - vielleicht auch als poetische Sprachwesen - bleibt der Code sofern wir nur Anwender (bzw. Programmierte) und nicht Programmierer sind, undurchschaubar. Er scheint jedoch zugleich so angelegt zu sein, dass wir für ihn (bzw. die Programme) mit jeder Handlung die wir in seinem Rahmen vollziehen, immer schlüssiger (also vorhersagbarer) werden.

Ob das wirklich stimmt oder ob nicht einfach nur bestimmte Code-spezifische Handlungsformen als mehr oder weniger unscharfe, grob generalisierte Indikatoren für den Kulturkosmos dahinter zu Big-Data-Mustern aufgeschlüsselt werden können, kann man diskutieren. Aber auch schon die Reduzibilität des Menschen und Menschenbildes die in der Minimalvariante enthalten sind, entsetzen einigermaßen angesichts der schrumpfenden Sphären nicht-digitalen Kulturhandelns und dabei insbesondere des Kommunizierens. Die sozialwissenschaftliche Technikforschung kennt für die Dispositivität von technischen Strukturen den zum Code sehr passenden Ausdruck der Skription. 

Der Code des Programm ist buchstäblich die Vor-Schrift für unser Handeln im Programm. Man mag das auch von der natürlichen und der offenen Sprache behaupten. Diese fordert allerdings eher Ähnlichkeit ein, bewegt sich permanent selbst in Semiosen der Selbstentfremdung und Vermehrdeutigung. Daher geht Mark O’Connell auch fehl, wenn er behaupt, dass Poesie nichts bewirkt - sie bewirkt auf der Ebene der Sprache selbst weitaus mehr als der Code, der sich viel treuer bleiben muss, um zu funktionieren.

Die große Schwäche des Codes, wie wir ihn bisher kennen und handhaben, ist seine Forderung nach Eindeutigkeit, seine klare Abgrenzung der Spielräume kommunikativer Handlungen, seine sinnliche Reduziertheit und seine Exklusivität, die all das, was nicht in seine Schemata passt, ausschließt. Code bzw. code-basierte Technologien und Anwendungen appifizieren unzweifelhaft die Gegenwartskultur in allen Facetten von der Post-Internet-Kunst über die Digitalwirtschaft bis hin zu sozialen Bewegungen, der Literatur und auch, natürlich, den Kultur- und Kulturerbe-Institutionen. Aber bisher ist mir jedenfalls trotz aufmerksamer Beobachtung und Suche eben auch nicht im Feld der Post-Internet- und Netzkunst etwas begegnet, das auch nur im Ansatz die Ausstrahlung (oder, wenn man mag, Aura) dessen mit sich bringt, was man doch hin und wieder in Poetisierungen und der Kunst an sich vorfindet. 

Wo so ein Effekt auf den digitalen Wiedergabegeräten aufscheint, ist er ein - oft reduziertes - Transkript einer nicht-digitalen Vorlage, also in gewisser Weise ein auratisches Echo. Er ist aber in den seltensten Fällen etwas, was genuin durch die Digitalität hervorgebracht wird.

Das mag sich in dem Maße ändern, in dem sich Kulturproduktion in großer Vielfalt in digitalen Strukturen vollzieht. Eventuell ist die Musik, die als elektroakustische und elektronische und heute oft rein digitale Form vermutlich die längste diesbezügliche Tradition besitzt, der Türöffner. Es gibt bereits jetzt zahllose Beispiele für Stücke der, nun ja, Postinternet-Musik bzw. des Postinternet-Pop, die in sich stimmig sind, auch berühren können und zuweilen sogar Poesie besitzen.

Analysiert man sie jedoch auf diesen Effekt, zeichnet sich oft heraus, dass es gerade die Referenzen und Simulationen zu vordigitalen Klangelementen sind, die - digital optimiert und rekombiniert - diese Wirkungen auslösen. Sie erfindet das Traditionelle wieder, de- und rekonstruiert es in Mash-Ups und simuliert bzw. variiert ästhetische Pattern.

Das Spannende ist eigentlich, dass die digitale Kodifizierung dahinter wie überhaupt in der Digitalität üblich, die leichten Verschiebungen expliziert und idealerweise sogar adressier- und nachvollziehbar macht, die die kulturelle Entwicklung gemeinhin kennzeichnen. Die Meme-Kultur, die zum Beispiel den Eiskübel-Wettstreit bis zur Stunde seiner Initiation rückverfolgbar im Netz dokumentiert, ist die typische Ausprägung dieser produktiven Stärke des digitalen Codes. Wir wissen im Netz bzw. das Netz weiß fast immer wann welches Element von wem in das Gesamtgefüge der Kultur eingebracht wurde und in der Regel auch, wer es wann wie intensiv rezipiert hat. Die Kulturwissenschaften als digitale Geisteswissenschaft steuern auf ein Zeitalter der perfekten Datenlage zu. Das, was man gerade in dieser Disziplin häufig unter der Benennung “Aura” beforscht, bleibt allerdings weitgehend draußen 

Zugleich könnte es sein, dass die gefühlte Poesie-Abstinenz in der Digitalkultur auch einfach  ein Echo generationenspezifischer Rezeptionsgewohnheiten bleibt und sich im kulturanalytischen und -kritischen Diskurs der Postinternet-Jahrgänge (den Nachfolgern der Digital Natives) ganz anderes zeigen wird, das uns plötzlich mit einer digitalen Auratik überrascht, die von niemanden erwartet oder geplant wurde. Am Ende begrenzt erfahrungsgemäß der individuelle Erfahrungshorizont doch trotz allem Objektivierungsbemühen erheblich den Bewertungsrahmen. Zugleich weiß man auch nicht sonderlich exakt, wohin sich die code-basierten Technologien als Kreativwerkzeuge auf lange Sicht orientieren und was sie ermöglichen werden. 

Vielleicht eilen wir ja auch ganz profan auf ein Leben ohne Poesie bzw. poetische Sprache zu. Auch das wäre denkbar und in nützlichkeits-, berechnungs-, vorhersagbarkeits- und optimierungsorientierten Lebenswelten, in denen jede Mehrdeutigkeit als potentielle Störung gilt, womöglich sogar erwünscht. Es ist normal, dass sich der Sinn-und-Form-Leser von heute mit seinen Vorstellungen, Ansprüchen, Sehnsüchten und Maßstäben gern auch in zukünftigen Kulturwelten berücksichtigt sehen möchte. Er kann sogar selbst über die Teilhabe an den einschlägigen Diskursen und Debatten versuchen, seine Stimme einzubringen. Eine Garantie darauf, dass die poetische Sprache und die Literatizität auch in den Narrativen und Texten des Postinternets eine Entsprechung hat, in der wir das, was wir heute darunter verstehen, wiederfinden können, gibt es freilich nicht. Die Bibliotheken haben immerhin die Möglichkeit, eigentlich sogar die Pflicht, die Erinnerung daran aufzubewahren und die Denkbarkeit einer Pre-Code-Kultur(sprache) und an die Idee der Aura als Zeugnis zu bewahren. Das immerhin spricht sehr dafür, dass die Aufgabe der Bibliothek als Gedächtniseinrichtung nicht komplett auf das programmierte Simulacrum der Digitalen Bibliothek reduziert werden sollte.

(Ben Kaden, Berlin, 13.09.2014)

September 12, 2014
Was heißt Post-Digital-Scholarship?

Eine Überlegung von Ben Kaden (@bkaden).

Es hat ein wenig gedauert, aber nun scheint es soweit zu sein, dass sich begleitend zum Post-Internet-Konzept (vgl. auch LIBREAS-Tumblr vom 07.Mai 2014), das die Sphären von Kunst und Kultur durchdringt, für den Bereich der Wissenschaft ein Ansatz namens “Post-Digital-Scholarship” als Mittel zur Deutung der Gegenwart herausbildet.

So wie postinternet nicht etwa bedeutet, dass man mit dem Netz abgeschlossen hat und sich entweder in eine Vor-Web-Kultur von Schreibmaschine und Briefköpfen an überwachungsresistenteren Austauschformen rückorientiert oder in einem Spaxel-versum (spaxel=space+pixel) neuerer Art aus den traditionellen Strukturmerkmalen digitaler Vernetzung aussteigt, sondern schlicht das Internet als integralen und integrierenden Lebensbestandteil akzeptiert (vielleicht analog zur Wasserleitung und zum elektrischen Licht), dürfte die Post-Digital-Scholarship vor allem darauf aufsetzen, dass Wissenschaft in der Mitte der 10er Jahre des 21. Jahrhunderts von der Erkenntnisfindung über die Erkenntniskommunikation bis zur Erkenntnisarchivierung so selbstverständlich digital ist, wie sie sich vor hundert Jahren auf Papier manifestierte.

Post-Digital dürfte also ein typisches Transformationsattribut sein, mit dem die letzte Übergangsstufe zu einer Voll-Selbstverständlichkeit begleitet wird und das in jedem Fall die unmittelbare Kopplung digital=innovativ abschließt. Von spätestens, circa, heute an wird die Behauptung, digitale Technologie wäre etwas Neues, ein Erkennungszeichen der Sehr- bis Zuspätgekommenen im Innovationsdiskurs sein. Nach ca. 25 Jahren breitenwirksam praktizierter Netz-Digitalität in der Wissenschaft ist das auch richtig. 

Was sich jedoch genau hinter diesem Abschlussschritt der Entwicklung von der papier- zur digitalvermittelten Wissenschaftskommunikation verbirgt, wird, bevor man es aus dem allgemeinen Metadiskurs in die Binnenforschungszonen der Fachsparten der digitalen Kultur- und Wissenschaftssoziologien und vielleicht der Bibliothekswissenschaft entlässt, Anfang November 2014 noch einmal in breiter Front in Lüneburg diskutiert. Dort findet nämlich die The Post-Digital Scholar Conference ihren Austragungsort und spiegelt zugleich die breite Front der Felder, die sich nun eröffnen.

Der Untertitel der Veranstaltung deutet es an: “Publishing between Open Access, Piracy and Public Spheres”. Die neuen Publikationswelten, die eigentlich eher fließende und dynamische Kommunikationsflächen sind, denen ab und an zur Formalisierung die Zuschreibung “publiziert” beigeordnet wird, vermischen sich mit anderen digitalcodierten Kommunikationskulturen von Hacktivism bis Slow Politics (vgl. eine aktuelle Initiative der Berliner Gazette).

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Der nächste große Trend, der nicht zuletzt Bibliotheken betrifft und angesichts der Relevanzdebatten in Bezug auf öffentliche finanzierte Forschung auch stärker als bisher weite Teile der Wissenschaft, dürfte eine “Politisierung” dahingehend sein, dass die Wechselwirkung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit (Gesellschaft und Politik) intensiver ins Zentrum der Reflexionen rückt.

Wir haben mittlerweile eine recht gut funktionierende und ihrem Revolutionspotential zugleich zunehmend abflachende dafür jedoch weithin etablierte technologische Basis (Netz+Digital). Nun gilt es nach dem Web-als-Warenhaus- und dem Geek-und-Gadget-Stadium sinnvolle und Sinn erzeugende Rückbindungsmöglichkeiten an Kultur, Gesellschaft und Wissenschaft vorzudenken und umzusetzen.

Nach dem anarchischem Zustand der digitalen 1980er und 1990er waren die 2000Jahre bis etwa heute durch enorme Kommodifizierungsprozesse und Business-Modellierung geprägt. Der nächste folgerichtige Schritt und die kommende Herausforderung betreffen eine tatsächliche Ausweitung der Möglichkeiten idealerweise auch zum Unterlaufen der Totalkommerzialisierung digitaler Kommunikation.

Die digitale Auf- und Loslösung von Kommunikationsprozessen und ihre gleichzeitige Dokumentier-, Referenzierbar- und semiotische Vernetzbarkeit erzeugt einen zusätzlichen hochflexiblen Interaktions- und Handlungsraum, der so oder so wahrnehmbar auch gesellschaftslenkend wirkt.

Die Gestaltung der digitalen Gesellschaft Akteuren wie Amazon, Google oder Apple zu überlassen, also einem kalifornischen One-Size-Fits-All-Idealismus, wäre trotz Smartwatch-metrischer Lebensweltvermessung zweifellos ziemlich trübselig.

Denn das Esprit eines Marktplatzes (plus Eitelkeiten) hat auch bei bemühter Produktvielfalt und permanenter Sensation (=Buzzfeedism) seine Grenzen und vernachlässigt einen Großteil dessen, was den Menschen zum Kultur- und Sozialwesen macht. Post-Internet und Post-Digital-Scholarship laufen als Konzepte vermutlich bzw. hoffentlich viel stärker in Richtung engagierter und spielerischer, offener und öffentlicher, kritischer und zugleich durchlässiger Interaktions- und Interventionsformen, die vom Triebmittel der Verwertung und vom Rhythmus der Verwertungszyklen so weit wie möglich abgekoppelt laufen oder besser noch diese aktiv dekonstruieren.

Für die Wissenschaftskommunikation stellt der dänische Medienwissenschaftler Søren Pold in einem Vorinterview zur Post-Digital-Scholarship-Conference fest:

"We see an increased pressure and tightened economy of scholarly communication and production resulting in closed global monopolies and global, algorithmic ranking of research. However this removes research from its societal impact and therefore we can hope for a counter movement of open publishing."

Dieses Open Publishing wäre ein Beispiel für eine Entwicklung, die die besonderen Gegebenheiten, Eigenschaften und Möglichkeiten digitaler Medialität nicht etwa dazu nutzt, Strukturen aus der analogen Welt in optimierter Form zu reproduzieren, sondern die digitalen Netze als einen Alternativraum nutzen, in dem plötzlich Facetten sichtbar und soziale Interaktionsformen genutzt werden können, die man vorher bestenfalls als Utopie denken konnte. Der Post-Digital-Scholar wäre in diesem Sinne der zeitgemäße Wissenschaftler des 21. Jahrhunderts. Es ist ganz gut, dass er jetzt offenbar anfängt, sich selbst zu finden.

(Berlin, 12.09.2014)

September 10, 2014
Die eigentlich viel zu wenig erschlossene Privatsammlung bibliophilatelistischer Erstagsbriefe eines der LIBREAS-Herausgebers ist dank einer Welterkundungsreise einer der Herausgeberin seit gestern um ein kostbares Stück reicher. Und zwar handelt es sich um den Sonderumschlag der bolivianischen Post zu einer bibliothekswürdigenden Briefmarkenausgabe, die im Jahr 2012 das hundertjährige Bestehen der Kongressbibliothek in La Paz. Aus gestalterischer Sicht ist die Ausgabe nicht unbedingt bestürzend schön zu nennen. Vielmehr bewegt sie sich im Mittelfeld der ästhetischen Güte dessen, was die berühmte Druckerei Lara Bisch in La Paz so aus ihren Maschinen holt. Die Marke zeigt in eher schlichter Umsetzung eine Ecke des von Emilio Villanueva zunächst als Bankgebäude konzipierten Gebäudes des Vize-Präsidenten in der Calle Mercado, in dem sich nun eben auch das Nationalarchiv und die Parlamentsbibliothek befinden. Ergänzt wird dies von einer Abbildung der Urschrift der bolivianischen Nationalhymne des italienischen Komponisten Leopoldo Benedetto Vincenti.
Die Gesamtauflage der Briefmarke mit dem Erstausgabetag 21. September 2012 lag bei überschauberen 30.000 Stück. Das vorliegende Exemplar ist rückseitig mit der Nummer 200 bestempelt und wird ab heute in einem staub- und lichtsicheren Album beginnen, die Zeiten so lange wie nur möglich als Teil einer langsam und ohne Aussicht auf Vollständigkeit wachsenden bibliophilatelistischen Liebhaber-Kollektion zu überdauern.
(bk, Berlin 10.September 2014)

Die eigentlich viel zu wenig erschlossene Privatsammlung bibliophilatelistischer Erstagsbriefe eines der LIBREAS-Herausgebers ist dank einer Welterkundungsreise einer der Herausgeberin seit gestern um ein kostbares Stück reicher. Und zwar handelt es sich um den Sonderumschlag der bolivianischen Post zu einer bibliothekswürdigenden Briefmarkenausgabe, die im Jahr 2012 das hundertjährige Bestehen der Kongressbibliothek in La Paz. Aus gestalterischer Sicht ist die Ausgabe nicht unbedingt bestürzend schön zu nennen. Vielmehr bewegt sie sich im Mittelfeld der ästhetischen Güte dessen, was die berühmte Druckerei Lara Bisch in La Paz so aus ihren Maschinen holt. Die Marke zeigt in eher schlichter Umsetzung eine Ecke des von Emilio Villanueva zunächst als Bankgebäude konzipierten Gebäudes des Vize-Präsidenten in der Calle Mercado, in dem sich nun eben auch das Nationalarchiv und die Parlamentsbibliothek befinden. Ergänzt wird dies von einer Abbildung der Urschrift der bolivianischen Nationalhymne des italienischen Komponisten Leopoldo Benedetto Vincenti.

Die Gesamtauflage der Briefmarke mit dem Erstausgabetag 21. September 2012 lag bei überschauberen 30.000 Stück. Das vorliegende Exemplar ist rückseitig mit der Nummer 200 bestempelt und wird ab heute in einem staub- und lichtsicheren Album beginnen, die Zeiten so lange wie nur möglich als Teil einer langsam und ohne Aussicht auf Vollständigkeit wachsenden bibliophilatelistischen Liebhaber-Kollektion zu überdauern.

(bk, Berlin 10.September 2014)

September 8, 2014
renest:

Das Buch. / 08.09.2014

renest:

Das Buch. / 08.09.2014

September 7, 2014
Eine Anmerkung zu Sudhir Venkateshs “Floating City.”

von Ben Kaden (@bkaden)

Der Soziologe Sudhar Venkatesh ist laut New York Times “Columbia’s Gang Scholar” (Kaminer, 2012) und mit seinem Buch Floating City über die Ökonomien der New Yorker Halbwelt einer der wenigen zeitgenössischen Vertreter seines Faches, die es in jüngerer Zeit zu größerer Feuilleton-Popularität brachten.

Wenn ein Buch wie das vorliegende erscheint, das im Grunde ein sehr ausführlicher Werkstattbericht aus dem großstadtsoziologischen Labor ist aber zugleich lesbar wie ein Roman von höherer Güte, dann sorgt das in Kombination erfahrungsgemäß zu einem Rechtfertigungsdruck gegenüber der eigenen Fachgemeinschaft.

Floating City ist auch formal ein außerordentlich interessanter Hybrid und es ist nicht ganz einfach zu sagen, ob diese “dichte Beschreibung”, die mit Michael Seadle auch in die Berliner Bibliothekswissenschaft wenigstens als mögliche methodische Idee Einzug hielt (Seadle, 2014) in einer solchen Form in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft als wissenschaftlich akzeptiert würde. Für seine Disziplin reflektiert Sudhir Venkatesh das Problem sehr lesenswert je nach Fortgang seiner Beobachtungen immer wieder neu durch und zeigt sich damit selbst als Protagonist seines Buches. 

So findet sich beispielsweise eine Stelle, und zwar die einzige überhaupt mit Bibliotheksbezug (in den von ihm untersuchten Lebenswirklichkeiten spielen Bibliotheken und ihre Dienste offenbar eine viel geringere Rolle als beispielsweise das, was man mit Manuel Castells “Informational Cities” nennen kann, vgl. Venkatesh, S. 176), an der ihm bewusst wird, wie hinderlich die Rolle des analysierenden Wissenschaftlers bei der Kontaktaufnahme zu seinen Untersuchungsgegenständen ist, weshalb er die Methode zunächst für die Erzählung und schließlich offenbar auch tatsächlich wechselt.(Venkatesh, S. 179)

Er nähert sich den Prostituierten, den Zuhältern und den anderen Figuren seiner Untersuchungskohorten nun als Dokumentarfilmer, passt also seinen Blick so an, dass er ihn überhaupt werfen kann. Denn erst dem Filmemacher öffnen sich wirklich die Türen, die er als Wissenschaftler für sein Forschungsprogramm zu öffnen versucht. Dass im daraus entstehenden Narrativ die wissenschaftliche Präzision nicht im Sinne der akademischen Vorstellung von Soziologie aufrechterhalten lässt, ergibt sich fast zwangsläufig und parallel die Frage, was mehr zählt: fachliche Strenge oder Relevanz, die man hier vielleicht als “Interestingness” bezeichnen kann und die die strengeren unter seinen Fachkollegen konsequent an den Journalismus auslagern wollen?

Das Aufsehenerregende an diesem Buch ist Bandbreite dessen, was Sudhar Venkatesh erstaunlich passend ineinanderfügt: vom Escort-Service und dem Straßenhandel mit Crack zu methodologischen Grundsatzfragen der Soziologie bis hin zu dem, was auch die Digital Humanities umtreibt, nämlich wie die Quantifizierung des Erfassten noch qualitative Aussagen über den Gegenstand zulässt und schließlich auch eine kleine Sozialgeschichte (bestimmter Facetten) der Stadt New York in den 2000er Jahren, gesellschaftspolitische Gedanken sowie biografische Assoziationen und Überlegungen unter anderen auch zu der Frage, wie er selbst mit seinen indischen Wurzeln überhaupt in der gesellschaftlichen Gegenwart der USA seinen Weg finden konnte bzw. kann.

Inhaltlich wird Floating City die Bibliotheks- und Informationswissenschaft wenig berühren und das mobile Informationsdienste mittlerweile ein entscheidender zusätzlicher Infrastruktur-Layer der “informational Cities” darstellen, weiß man auch ohne dieses Buch. Aber möglicherweise setzt Floating City als Publikationsform ein Zeichen und zwar, dass in bestimmten Bereichen der Erkenntnisfindung ein narrativ-beschreibendes Konzept an der Grenze zwischen Literatur, Journalismus und Fachprosa eine legitime und zugleich auch jenseits der Fachzirkel wirkende Form der Wissenschaftkommunikation darstellt.

Für die öffentliche Wahrnehmung der Soziologie und ihre Handlungsfelder ist das Buch in seiner Bedeutung jedenfalls aus meiner Sicht kaum zu unterschätzen. Und es ist dank der Spannungsbögen und Entwicklungslinien tatsächlich auch ein Buch für eine ganze Nacht, also in einem Zug zu lesen.

(Berlin, 07.09.2014)

.Ariel Kaminer (2012) Columbia’s Gang Scholar Lives on the Edge. In: New York Times, Dec. 2, 2012, S. MB1 http://www.nytimes.com/2012/12/02/nyregion/sudhir-venkatesh-columbias-gang-scholar-lives-on-the-edge.html?pagewanted=all

.Michael Seadle (2014) Ethnomethodologie. In: Konrad Umlauf, Simone Fühles-Ubach, Michael Seadle (Hrsg.) (2014) : Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft: Bibliotheks-, Benutzerforschung, Informationsanalyse. Berlin [u.a.] : De Gruyter Saur. S.315-337

.Sudhar Venkatesh (2013) Floating City. Hustlers, Strivers, Dealers, Call Girls and Other Lives in Illicit New York. London: Penguin

September 4, 2014
LIBREAS Call for Papers #26 - Abridged English Version.

Of course, LIBREAS is always open for contributions in English as well wherefore the current call for papers in a shortened translated version is right here: 

Alternative Libraries 

There is an obvious trend towards libraries and library related cultural forms (think of the Occupy Wall Street Library or all those Little Free Libraries) which have only minor or even no intersections with the traditional and established institution called library. Subcultures, as well as protest communities or simply book affine neighborhoods, tourist offices and even municipalities establish easily accessible, often crowdsourced, sometimes just makeshift varieties of library services, often very strongly oriented to specific interests. LIBREAS’ issue 26 wants to reflect the reasons for this trend. Additionally, we ask whether established libraries are faced with alternatives not only in the digital field, but also in the analogue world?

The deadline for contributions will be around October 30, 2014. Any material should be mailed to redaktion@libreas.eu.

If you have any questions publishing in LIBREAS please get in touch directly with Ben Kaden via ben@libreas.eu.

(Berlin, September 4, 2014)

September 1, 2014
Gold Open Access funktioniert ein bisschen, Green Open Access eher nicht. Meinen Sara L. Rizor und Robert P. Holley.

Sara L. Rizor, Robert P. Holley (2014) Open Access Goals Revisited: How Green and Gold Open Access Are Meeting (or Not) Their Original Goals. In: Journal of Scholarly Publishing. 4/2014 Vol. 45. S. 321-335 DOI: 10.3138/jsp.45.4.01

Kernaussagen:

Die Autoren, Bibliotheks- und Informationswissenschaftler der Wayne State University, setzen sich mit den Zielen und Entwicklungen der Open-Access-Bewegung seit der Budapester Erklärung 2002 auseinander und stellen fest:

  • Open Access ist teilweise erfolgreich bzw. befindet sich, wie die Budapest Open Access Initiative (BOAI) 2012 feststellte, “solidly in the middle”. Ein überwiegender Teil der wissenschaftlichen Kommunikation ist jedoch nach wie vor nicht unter Open-Access-Bedingungen verfügbar. 
  • Der goldene Weg funktioniert wahrnehmbar besser in Übereinstimmung mit den erklärten Zielen der Open-Access-Bewegung und zwar unter anderem auch hinsichtlich der Langzeitverfügbarkeit von Artikeln, da die Anbieter des Gold Open Access über ein Geschäftsmodell verfügen.
  • Der grüne Weg ist weniger erfolgreich. Die Autoren beklagen u.a. 

    "the fact that indexing and discoverability of the Green OA articles that do exist is still imperfect and therefore makes finding these works challenging."

  • Die Autoren merken mit David W. Lewis und gegen Stevan Harnard an, dass dann, wenn Gold-OA dominiert (“fully Gold OA world”, S.328), Green-OA überflüssig wird. Insofern ist der grüne Weg nur eine zeitweilige und fehlerbehaftete Notlösung (“backdoor”, S. 327) bei der Durchsetzung der Open-Access-Prinzipien. 
  • Die Autoren gehen weiterhin davon aus, dass an dem Punkt, an dem der grüne Weg so erfolgreich wäre, dass Bibliotheken tatsächlich Zeitschriften aufgrund dieses Ersatzes abbestellen könnten, “the green system collapses in on itself — of that we are pretty confident.” (S.332)
  • Für die aktuelle Lage stellen sie fest, dass Bibliotheken (a) bisher keine Zeitschriften abbestellen konnten, weil OA-Substitute verfügbar waren, und (b) dass die Zeitschriftenpreise unter dem Druck von OA-Verfügbarkeit keinesfalls gesunken sind.

(bk, 01.09.2014)

August 20, 2014
Die Benutzerkarte. (Willi-Bredel-Bibliothek, Berlin) (Foto: judith74 auf Flickr, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0)

Die Benutzerkarte. (Willi-Bredel-Bibliothek, Berlin)

(Foto: judith74 auf Flickr, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0)

July 22, 2014
Die Bibliothek als Modeschöpfkelle. Das Beispiel des Designers Raimund Bertholds.

Eine Gruppe, die im Diskurs zu den möglichen Nutzer- und Zielgruppen außerordentlich selten auftaucht, ist die der Architekten, Gestalter und Modeschöpfer. 

"Es stellt sich so dar, als habe am Anfang der Gestaltung der Fassadenstruktur ebenfalls der Gang in die Bibliothek gestanden."

wusste der Soziologe Jörg Potthast 1998 in seiner Studie “Sollen wir mal ein Hochhaus bauen? Das Architekturbüro als Labor der Stadt.” (Potthast, 1998), die man nach wie vor allen Erstsemesterstudenten der Fachbereiche für Architektur nur empfehlen kann, zu berichten. Auch wenn es sich dabei um die Hausbibliothek des Büros handelte, aus der sich die Mitarbeiter Ideen und Impulse für die Entwurfsarbeit holten, so zeigt sich doch, dass Bibliotheken als Orte der Inspiration für die schöpferischen Zweige unserer Gegenwartskultur (und -ökonomie) durchaus an zentraler Anlaufpunkt sein können. 

Ein weiteres Beispiel stammt von dem Designer und Sammler Raimund Berthold. In so gut wie jedem Interview zu seiner Arbeit scheint er die Rolle der Bibliothek für den Prozess der Kreation zu betonen. So erzählte er im Interview mit DAZED im Jahr 2012 über den Beginn jeder Kollektion:

I have an idea of where I want to go and then start in the library going through new and old books.” (Oliver, 2012)

Ganz ähnlich eine Aussage, mit der ihn das Weblog Style Salvage zitiert:

"I would describe my design process as quite organic. First, my research either entails discovering a catalyst that sparks the thought process or in other instances, I approach it with a clear mind and spend a day in the library going through book after book, collating images that do something and inspire me to start sketching." (Berthold, 2013)

Und schließlich findet sich in einem noch ziemlich aktuellen Interview der Fachplattform SELECTISM zur Frühjahrskollektion von Berthold folgende Aussage (Dystant, 2014):

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Die Bibliothek - welche Einrichtung(en) der Designer konkret nutzt, erfährt man leider nicht - als Kultursammelpunkt für alles, was ein kreativen Prozess auslösen kann, ist eben auch eine Funktion und man muss hier das Wort Serendipity eigentlich gar nicht mehr einwerfen, so offensichtlich zeigt es sich hier als Allover-Print. Aber wenn man den Gedanken weiterführt, dann werden aus den Maker Spaces, die in steigender Frequenz als konzeptionelle Zukunftsräume der Bibliotheken gehandelt werden, vielleicht auch Tailoring Spaces. Der Annoyed Librarian des Library Journal bloggte jedenfalls gestern sehr passend:

Will 3D printers get people in the door? Then buy some! Sewing machines? Toss out the books and put some in.” (Annoyed Librarian, 2014)

Fraglich ist allerdings, ob die Bibliothek damit wirklich aus dem Schneider wäre. Denn Raimund Berthold besucht sie ja nicht, weil er eine Nähmaschine braucht. Sondern wegen der Bücher. Will man also als zeitgemäße Einrichtung für - wenigstens im Falle  Bertholds - überzeugende zeitgemäße Mode inspirieren, sollte man Druckwerke am Ende vielleicht neben den Nähkästchen auch längerfristig anbieten.

Dazu passt übrigens, dass Buch- und Druckdesign einen Aufschwung (auch in Richtung Exklusivität) erleben, der in dieser Verästelungstiefe, glaube ich, kulturgeschichtlich kaum Vorläufer hat. Wie sich dabei Buch- und Textildruck verbinden, zeigt das Beispiel eines schwedischen Verlags?, Labels?, das einen uns sehr passenden Namen trägt: Libraryman.

Quellen

Annoyed Librarian (2014) What to Call the Reinvented Library. In: Library Journal / libraryjournal.com, 21.07.2014

Berthold, Raimund (2013) Inspired… Berthold AW13. In: Style Salvage, 03.01.2013

Dystant, Lena (2014) London Collections: Men Preview. Berthold Spring 2015. in: SELECTISM.org, 10.06.2014

Oliver, William (2012) Exclusive Preview: Berthold S/S13. Loose shapes and oversized elements clash with slim silhouettes in Raimund Berthold’s spring collection. In: DAZED / dazeddigital.com.

Potthast, Jörg (1998) “Sollen wir mal ein Hochhaus bauen?” Das Architekturbüro als Labor der Stadt. Berlin: WZB, 1998; Zitatstelle: S.28

(bk, 22.07.2014)

July 20, 2014
Die Mittelpunktbibliothek Adalbertstraße in Berlin-Kreuzberg am Samstagabend wie sie die LIBREAS-Redaktion nach der Redaktionssitzung sah.

Die Mittelpunktbibliothek Adalbertstraße in Berlin-Kreuzberg am Samstagabend wie sie die LIBREAS-Redaktion nach der Redaktionssitzung sah.

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